LEITARTIKEL

News • 14. Juni 2010

Roland Kanfer, Chefredakteur

Neues Bauen im Zeichen der Nachhaltigkeit
Alles ist Architektur: Symbol, schützende Behausung, Festlegung des Raumes, Konditionierung eines Zustands. So charakterisierte ein bekannter Wiener Baukünstler einmal Architektur. Das hatte vor mehr als 40 Jahren Gültigkeit, und es gilt natürlich auch heute noch. Architektur wirkt nach außen als Zeichen ebenso wie als zweite Haut des Menschen, mit ihr werden Räume definiert und Stimmungen erzeugt. Architektur bedeutet die Kunst und die Wissenschaft des planvollen Entwerfens und Gestaltens der gebauten menschlichen Umwelt, lautet eine andere Definition.
Aber: Ist das alles, was Architektur zu bieten hat? Kann Architektur noch mehr? Vor allem: Muss sie nicht noch mehr können als Kunst und Wissenschaft zu sein? Gehört zum planvollen Entwerfen und Gestalten der Umwelt nicht mehr dazu, als einen Raum zu definieren und ein Symbol zu schaffen? Die Antwort darauf liegt im Selbstverständnis jedes einzelnen Architekten, jeder einzelnen Architektin. Nicht allen ist die Vorstellung, sich über die Grenzen des reinen Baukünstlers hinaus als Dienstleister zu verstehen, angenehm. Architektur als Koordinierungsinstrument zwischen dem Bauherren einerseits sowie planenden und ausführenden gewerblichen Betrieben andererseits, mit dieser Definition ihres Berufsstandes tun sich manche Architekten schwer.

Integrierte Planung
Um es offen zu sagen: Es ist eine Berufsdefinition, mit der sich heute kein Preis mehr gewinnen lässt. Kaum ein Bauherr, weder ein privater und schon gar kein gewerblicher, geben sich mit einem Baukünstler zufrieden, der sich nicht bereit erklärt, Koordinator eines Entstehungsprozesses zu sein, der von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation komplexer wird. Damit sind nicht nur Bauvorschriften oder Wohnbauförderrichtlinien gemeint, die hierzulande aufgrund eines überstrapazierten föderalistischen Systems Planern ebenso zu schaffen machen wie dem Gewerbe und der Industrie. Klimaziele, Energieeffizienz- und Gebäuderichtlinien, das wachsende Bewusstsein für die Auswirkungen, die die Errichtung eines Gebäudes samt den im Vorfeld dazu notwendigen Produktionsprozessen auf die Umwelt hat, die Frage nach Lebenszykluskosten und der wie auch immer definierten ‘Nachhaltigkeit’ einer Immobilie sind Parameter, die am Beginn des Entstehungsprozesses stehen müssen.
Idealerweise finden diese Prozesse nicht hintereinander, sondern möglichst gleichzeitig statt. Daher müssen sie gebündelt und koordiniert in Entwurf und Planung einbezogen werden. Integrierte Planung aller am Planungs- und Bauprozess Beteiligten heißt also das Gebot der Stunde. Sie ist Aufgabe und zugleich Chance der Architekten, die andernfalls Gefahr laufen, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen.

Das Architekturbüro als Schnittstelle
Architekten sollen Vertreter des Bauherrn sein, mit all den Konsequenzen, die eine solche Funktion integriert. Sie sind die Schnittstelle zwischen den Wünschen des Auftraggebers und den Anforderungen technischer, wirtschaftlicher, sozialer, politischer und auch gestalterischer Natur, die an ein Gebäude gestellt werden.
Da müssten so manche Architekten noch einiges lernen, ist von diversen Bauträgern und Projektentwicklern zu hören. Noch immer sehen sich viele Architekten als Einzelkämpfer, die vermeintlich ihre Kreativität gegen wirtschaftliche und andere profane Zwänge verteidigen müssten, so der oft gehörte Vorwurf. Dabei könnten so manche Dinge auf der Strecke bleiben. Etwa die in der Immobilienszene derzeit hoch im Kurs stehende ‘Nachhaltigkeit’ von Gebäuden. Was das genau ist, darüber ist man sich noch nicht ganz einig, hängt es doch von der Warte ab, von der aus man das Thema betrachtet. Für manche ist ein Gebäude nachhaltig, wenn sich der Heizwärmebedarf innerhalb bestimmter Grenzen bewegt. Andere wollen nicht nur den Energiebedarf und die Energieaufbringung während der Nutzungsdauer einer Immobilie als Kriterium für Nachhaltigkeit sehen, sondern auch die für die Produktion der verwendeten Baustoffe notwendige Energiemenge. Wieder anderen sind neben der ökologischen auch die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit wichtig. Und manche wollen nachhaltige Renditen. Auch das ist ein legitimes Anliegen.

Forum Neues Bauen
Mit solchen und anderen Themen müssen sich Architekten auseinandersetzen. Und zwar wenn möglich nicht nur untereinander, sondern im Diskurs mit den anderen am Planungs- und Bauprozess Beteiligten. Bau- und Immobilienwirtschaft, Bauindustrie und Baustoffindustrie sollten zu diesem Diskurs eingeladen werden. Ohne deren Beteiligung droht Architektur zur Beschäftigung mit sich selbst zu verkümmern, während sie den Anschluss an gesellschaftliche und technische Entwicklungen verliert.
Aus diesem Grund wird es im Architekturjournal wettbewerbe ab nun eine neue Rubrik geben, die den vielfältigen Herausforderungen an die Planungsbranche inhaltlichen Raum gibt. Dieses Forum steht allen offen, die in den Entstehungsprozess eines Gebäudes involviert sind und die Interesse haben, ihn voran zu bringen. Unternehmen, Interessenvertretungen, Einzelpersonen - sie alle sind eingeladen, im Forum Neues Bauen ihre Standpunkte darzulegen, ihre Positionen zu argumentieren und ihre Anliegen an die interessierte Öffentlichkeit zu bringen.

Themen gibt es genug
Themen, mit denen sich die Architektur- und Bauszene auseinandersetzen muss, gibt es genug. Integrierte Planung und Nachhaltigkeit sind dabei nur zwei Aspekte. Der Fokus reicht weit darüber hinaus: Es geht um die Konsequenzen, die gesellschaftliche Entwicklungen in Zukunft auf die Architektur haben werden. Wenn etwa die EU-Gebäuderichtlinie ab 2019 öffentliche und ab 2021 private Neubauten im Nahe-Null-Energiestandard vorschreibt, wird das nicht ohne Auswirkungen auf ‘planvolles Entwerfen und Gestalten’ bleiben können. Wenn Investoren und Wohnbauträger dem gesellschaftlichen Trend zu mehr Umweltbewusstsein mit der Forderung nach zertifizierten und damit besser vermarktbaren Gebäuden entsprechen wollen, kann sich die Architektur dem nicht entziehen. Wenn das Niveau der Industrialisierung in der Bauteilproduktion immer höher wird, müssen sich Architekten überlegen, wie sie damit umgehen, ohne unter die Räder zu kommen und ihren Anspruch auf individuelle Gestaltung aufgeben zu müssen. Wenn in Zeiten harter Sparmaßnahmen seitens der öffentlichen Hand in Österreich wieder einmal die Wohnbauförderung zur Diskussion gestellt wird, sollte sich die Planungsbranche zumindest die Frage gestatten, ob sie im sozialen Wohnbau weiter die gleich hohen gestalterischen und baulichen Ansprüche an sich selbst stellen wird können wie im frei finanzierten Wohnbau und was ein möglicher Wegfall der Förderungen für die Wohnbauwirtschaft und damit für die Architektur bedeuten könnte.
Das Architekturjournal wettbewerbe als Dokumentationsmedium für Baukultur wird diese Diskussionen begleiten, ohne seine bisherige Funktion zu vernachlässigen. Kritische Töne von allen Seiten sind dabei durchaus erwünscht, ebenso die gegenseitige Bereitschaft zum Zuhören. Auch das ist Architektur.